Abenteuer Peking

Leben und Studieren im Reich der Mitte

 
26Dezember
2015

Etappe 1: Nanjing - Die südliche Hauptstadt Chinas

Wenn man Ende Dezember die Winterjacke daheim lässt und man statt kahlen Bäumen grüne Palmen sieht, weiß man, dass man im Süden ist. Nach vier Stunden in einem Hochgeschwindigkeitszug, der sichtbar von deutschen Ingeneuren gebaut wurde, waren wir da. Nanjing ist die südliche Hauptstadt Chinas und macht ihrem Namen alle Ehre. Zwischen den Häusern trocknet die Wäsche, die Straßenlaternen sind orange und warm statt neonblau und die Menschen offener und beherzter als die Beijinger. Der mediterrane Charme der fast ein bisschen an Italien erinnert, nimmt Nanjing aber keineswegs den Prunk und Pomp. In den künstlichen Seen klitzern die die Wolkenkratzer im Abendlicht und man spart keine Kosten und Mühen um alle Träume neureicher Chinesen zu erfüllen. Auch wenn man von den Kaufhäusern in Nanjing noch nie etwas gehört haben mag, so stehen sie denen in Moskau um nichts nach. Über zehn Etagen, kann man über weißem Marmor durch nachgebaute Städten schlendern, Essen aus aller Welt genießen und teuerste Uhren aus der Schweiz oder Glashütte kaufen. Falls einen dann spontan die Lust auf Wintersport überkommt, lasst sich auf einer der Etagen Schlittschuhlaufen. Grenzen gibt es hier nicht, alles scheint möglich.

Es geht los - mit dem Zug durch China. Die Skyline von Nanjing Der Jiming-Tempel Kontraste, die keine Widersprüche sind.

               Das ist nicht Italien- auch so kann China aussehen.      Ein Kaufhaus, dass wohl keine Wünsche offen lässt.
So ist die schöne neue Welt. Aber ist das ein neues Phänomen,  war es vor hunderten von Jahren anders? Nanjing war zwischen dem dritten und fünften Jahrhundert die Hauptstadt der südlichen Reiche, während im Norden die mongolischen Reitervölker das Zepter führten. Noch bevor 1421 der riesige Kaiserpalast in Beijing entstand, war Nanjing unter dem Hongwu- Kaiser  das politische Zentrum Chinas. Die Tempel aus dieser Zeit lassen noch erahnen, welchen Reichtum die Stadt schon damals besaß. Geschützt von einer gewaltigen Stadtmauer tummeln sich hier prächtige Tempel und Parkanlagen mit architektonischer Finesse und Liebe zum Detail.

Der Jiming-Tempel Die Linggu-Pagode    

Nicht nur Marco Polo, liebte diese Region, die er als die schönste der Welt beschrieb, auch der Vater der Republik Chinas wollte seine Jahre nach dem Tod unbedingt auf den Bergen Nanjings verbringen. Heute strömen jeden Tag tausende Chinesen zu dem Maosoleum von Dr. Sun-Yatsen, alle gewappnet mit Chinaflagge, Mao-Anstecker und Selfistick, um 390 Stufen zu erklimmen und einmal an der Türklinke zu streichen, hinter der sich Sun-Yatsen befindet. Der Vater der Republik ist das touristische Highlight für Chinesen. Anders als bei Mao, hat man bei dem ehemaligen Arzt und Politiker keine persönliche Audience und kann ihn nicht hinter einem Glaskasten bewundern. Ob für Merkel wohl auch irgendwann mal ein Mausoleum gebaut wird? Nur gut, dass Brandenburg keine Berge hat, auf den man ein solches Mausoleum bauen könnte.

Für ein Grab eines Menschen werden in China halbe Städte, zumindest aber Paläste gebaut. Dabei vergisst man nicht, alles auch fleißig zu vermarkten. Selbst McDonalds weiß, dass sich an Orten mit berühmte Toten viel Geld verdienen lässt. Alle dreißig Meter begegnet einem das unverkennbare, goldene M. Ob Sun-Yatsen ein Hamburger geschmeckt hatte, weiß ich nicht, aber er wäre sicher unglücklich mit der Aussicht, die keine Aussicht ist. Die tolle Landschaft ist eingehüllt in Smog, dass wohl größte Problem vieler Metropolen Chinas.

Volkerströme zum Mausoleum Dr. Sun Yatsens

Hier wird fleißig der Leichnam von Sun-Yatsen vermarktet

 

12Dezember
2015

Aus aktuellem Anlass - Blau zu Grau

Noch vor zwei Tagen gab Entwarnung - endlich wieder durchatmen. Die Schulen öffneten wieder und die Autos rollten hupend durch die Straßen. Die Freude hielt leider nicht allzulange an, denn jetzt sind die Werte wieder genau da, wo sie hingehören – in den dunkelroten Bereich. Die Pekinger Luft ist dreckig und ungesund, aber sterben tut man deswegen nicht gleich. Ein Fleischer der tagein tagaus vor seinem Rost steht und köstlichste Bratwürste brät, bekommt auch nicht viel von der Thüringer Waldluft mit. Und auch ein Sigmund Freud, der bis zu 18 Zigarren pro Tag verputzte, lebte nicht gesünder.

Jeder richtiger Pekinger hat heutzutage eine App der US-Botschaft auf seinem Handy, in der er dann in fünf Farben illustriert bekommt, wie ungesund sein Leben gerade ist. Wenn man nun aber jedes Schulkind bei einer Warnung daheim einschließen würde, wie es die WHO rät, dann würde man sich wohl bald über eine zu hohe Analphabetenrate beschweren. Darum lautet die Devise – Maske auf und rein ins Getümmel!

Grundsätzlich war ich von dem Wetter in Beijing positiv überrascht und vor allem davon, wie viel die Pekinger für die Umwelt tun. Auf den Dächern funkeln Solarpanals und an jeder Ecke stehen Mülleimer  säuberlich sortiert nach Müllsorten. Auf den Straßen rollen ausschließlich Elektroroller, die Vielfalt und Anzahl an Elektroautos und Hybriden übersteigt bei weitem die unserer Hauptstadt.
Aber eine Sache bleibt: China ist die Fabrik der Welt, produziert den Mist, den wir dann konsumieren, verbrauchen und verschwenden. Es grenzt also an schlechte Ironie, dass die Meldung zu der Luftverschmutzung nun ausgerechnet zum Weltklimagipfel durch die Medien rauschte.
Was also tun mit den ganzen Chinesen auf einem Haufen, die nunmal auch gerne Auto fahren? Wie wäre es mit einer Halb-Kind Politik für Beijinger?

So kann Beijing aussehen - blau, grün und saftig... Der gleiche Ort ein paar Wochen später - grün wurde zu grau.

26November
2015

Es wird kalt in Beijing - auf einen Tee über Gott und die Welt.

Als ich eines Nachmittags von meiner Uni zu meiner Unterkunft lief, begegnete ich einer älteren Frau. Es war bitterkalt. Sie saß zusammengekauert am Straßenrand. Eine Bettlerin war sie nicht. Sie saß dort mit zwei Tüten. Eine dieser Tüten war gefüllt mit Bohnen, die andere diente dem Abfall, der beim Putzen und Schneiden der Bohnen anfiel.
Schon einige Meter bevor ich sie passierte, musterte sie mich. Als ich ankam, streckte sie mir zitternd ihre Tüte entgegen. Das Straßenleben hatte sie mit jeder Falte gezeichnet. Wie lange musste sie dort schon in der Kälte verharrt haben? Es war dieser Moment, in dem einem das mulmige Gefühl der Scham überkommt. Ich hatte mich gerade in einem der unzähligen Restaurants verköstigt, tat so, als hätte ich sie nicht gesehen und lief weiter. Beim nächsten Mal würde ich ihre Bohnen kaufen, dachte ich mir als es schon zu spät war.

Solche Situationen sind Alltag in China, auch in Beijing. Kurz nach den ersten Schneeflocken sah ich Menschen, die den Schnee mit einer Spitzhacke von der Straße hackten. Ob sie sich jemals gefragt haben, warum sie das tun? Für viele von ihnen ist es immer noch etwas Besonderes, neben Reis auch ein Stück Fleisch in ihre Schüssel zu bekommen. Es sind Wanderarbeiter - Beijing hat zig Millionen davon. Aber was müssen sich diese Menschen denken, wenn sie am Abend in ihr Bett steigen? Oft frage ich mich, ob wir unter diesen Umständen lebensfähig wären. Es sind Umstände wie diese, die einem verständlich machen, was man doch alles in Deutschland zu schätzen wissen sollte. Aber wären wir bereit, etwas von unserem Wohlstand abzugeben? Wollen wir das überhaupt? Oft beruhigen wir unser Gewissen mit dem Gedanken an die staatlich organisierte Entwicklungshilfe. Aber wie grässlich ist doch die Wahrheit, wenn man bedenkt, dass der Westen Entwicklungshilfe betreibt, gleichzeitig Einfuhrsperren für Produkte aus armen Ländern verhängt und die Armut zusätzlich anheizt, indem er seine eigenen Produkte in diesen Ländern subventioniert. Ist es ein Paradoxon oder einfach schlichte Realität, der Fortbestand kolonialistischer Weltanschauungen, gespeist von dem Hunger westlicher Überlegenheit?
Der Präsidentschaftskandidat der Vereinigten Staaten, Donald Trump, warnt in diesen Wochen wieder kräftig vor der gelben Gefahr und rät zu einem harten Durchgreifen gegenüber den Chinesen. Er sagt viel, verstanden hat er leider nichts.

Harte Arbeit - aber wofür ?

Weihnachtsstimmung - hier auf dem Uni-Gelände

In einer Pause meines täglichen vierstündigen Chinesisch-Unterrichts sprach ich mit einem südkoreanischen Freund. Er hat mit mir im Anfängerkurs begonnen und wurde binnen weniger Tage bis ganz nach oben durchgereicht. Neben ihm stand ein zweiter Koreaner und grinste mich an. Er trug eine Brille wie Gregor Gysi und eine Mütze wie Sherlock Holmes. Er kommt aus einem anderen Korea - aus Pyongyang in Nordkorea. Er schaute sich hektisch um und sagte dann, er wäre aus der Diktatur Nordkorea geflohen und würde jetzt hier studieren, müsse aber aufpassen, dass ihn keiner verfolgt. Danach grinste er wieder und ließ mich wissen, dass er sich diesen Spaß bei jedem naiven Europäer erlaubt, der glaube, dass alle Nordkoreaner auf dieser Welt unglücklich wären. Nur allzu gern würde ich mich in einen der Züge am Pekinger Hauptbahnhof setzen, die dort täglich um 15:30 nach Pyongyang fahren – ein Altmaoist bin ich ganz sicher nicht, aber ein bisschen Nostalgie muss schon sein. :-)
Schon in der achten Klasse lernen wir in Deutschland, die Ein-Kind-Politik zu kritisieren, vergessen dabei oft zu sagen, dass trotzdem nur jedes fünfte Kind ein Einzelkind war. Wir diskutieren über chinesische Umweltprobleme und vergessen, dass wenn es diese nicht gäbe, immer noch Millionen von Menschen an Hunger leiden würden. Wir kritisieren die Ungerechtigkeit und die Korruption des Frühkapitalismus, ohne gleichzeitig zu erwähnen, dass ‘Gleichheit‘ in China vor fünfzig Jahren vor allem ‚gleich arm‘ bedeute. Wir kritisieren das maßlose Kopieren von alles und allem – zu Recht. Aber wir vergessen, dass wir damals die Nudeln aus Nordchina mitgebracht, den Tee (Cha), ja selbst das Fußballspielen kopiert haben. Mit Nudeln verbinden wir in erster Linie unsere italienischen Freunde, Fußball stammt gemeinhin aus England und den Chai a la Indien verbinden wir mit einer zimtig-würzigen Teemischung. Alles anders: Die Holländer brachten die Chinesische Erfindung erst im 17. Jahrhundert nach Europa. Dabei wurde der südchinesische Name T’e schließlich zum britischen tea. Nur bei der Farbe muss sich jemand geirrt haben, denn unser „schwarzer“ Tee ist in China unter dem Namen „roter“ Tee zu finden.

Gerade in den Wintermonaten lohnt sich ein Besuch im Teehaus. Hier lernt man Chinas Welt des Genusses kennen. Der Tee ist in China vielmehr Kultur als bloßes Getränk. Bei einem Tee wird über Gott und die Welt geredet, Geschäfte geschlossen und Verträge unterzeichnet. Das was für Helmut Schmidt stets die Menthol-Zigarette war, war für Mao Zedong der grüne Tee. Die Wissenschaft, die um den Tee betrieben wird, lässt sich am besten mit der unseres Weinkults vergleichen. Vor mehr als eintausend Jahren schlürften die Chinesen bereits ihren Tee in allen Formen, Farben und Fermentierungen. Flüssige Jade wurde der grüne Tee alsbald genannt. Für eine Stunde im Teehaus kann man ohne weiteres hunderte Euro bezahlen. Dafür bekommt man ein Konzert für Augen und Zunge geboten. Jede Handbewegung und jeder Schwenk mit der Teekanne wirkt einstudiert. Kein Kellner im Berliner Adlon könnte es mit dem Service einer echten Teehausdame aufnehmen. Nur die elektronische Klingel auf dem hölzernen Serviertisch zeigt einem, dass man sich doch im 21. Jahrhundert befindet und die Kaiserzeiten bereits seit langem ein Ende haben. Aber auch Mao vertraute noch auf die Kraft des grünen Tees, indem er ihn der täglichen Mundhygiene vorzog. Alles zum Leidwesen seines Leibarztes Li Zhisui, der seine Hygienegewohnheiten in einem 1996 erschienenen Buch öffentlich machte. Die seltsame Dentalhygiene hat noch bis heute Anhänger. Mit zahlreichen Aufklärungskampagnen sollen nun die Chinesen zu neuen Wegen animiert werden – also Bürste statt Tee.

Im Teehaus - ein Ort des Genusses. Die Akt dauerte mehrer Minuten.

Der Alte Sommerpalast - Abschalten von der Hauptstadt.

 

25Oktober
2015

Uni, Essen & Co.

Oft sitzen wir zusammen im Café und machen nach erschöpfendem Chinesisch-Unterricht, erschöpfende Chinesisch-Hausaufgaben. Einen eigenen Schreibtisch habe ich nicht. Nach gefühlten 3000 Schriftzeichen, den sogenannten Hanzi, sagte eine Kommilitonin zu mir: „Klar, die Sprache war irgendwie ein Fehlgriff, aber schau mal Hannes, das ist alles für einen guten Zweck. Wir können dann in China überleben. Zurück in der Heimat müssen wir bald Arabisch lernen, das ist auch nicht viel einfacher.“
In Deutschland lässt sich der Alltag vieler Studenten wahrscheinlich am besten mit dem von Arbeitslosen vergleichen - um neun Uhr aufwachen, nochmal umdrehen, erste Vorlesung schwänzten, dann ein schneller Kaffee to go. Nach kurzen anderthalbstunden Vorlesung wird sich ein Mensaessen gegönnt. Voller Erschöpfung legt man sich anschließend auf die Uni-Wiese und macht eine Siesta. Wer dann noch Kraft hat geht zum Uni-Sport. Nach all dem Tatendrang gönnt man sich am Abend ein Pils in der Bar seines Vertrauens und lässt den Tag genüsslich ausklingen.
Und was macht man in China? Lernen. Und sonst so ? Nichts. Universität besteht in China aus zwei Silben: da=Groß und xue=lernen bzw. Wissenschaft. Voller stolz zeigte mir meine chinesische Tandempartnerin ihr Arbeitsraum, indem sie von früh um sieben bis abends um elf studiert - jeden Tag. Sie kommt aus der inneren Mongolei. Ihr großer Traum ist ein Studium an einer amerikanischen Spitzenuniversität, ihre größte Sorge der TOEFL-Test. Ich fragte sie, warum Ihr ein Studium an einer solchen “Elite-Uni“ so wichtig wäre. So richtig wusste es sie darauf keine Antwort. Chinesen schauen nur nach dem Rang der Uni, egal was man dort geleistet hat, sagte sie. Wer in Harvard studiert hat ist ein besserer Mensch, ein Mensch erster Klasse und muss am Ende nicht per Handarbeit Rasen mähen (s.Bild). Grausam aber wahr! Dennoch hält sie von dem System Chinas nicht viel und kritisiert, dass durch den festgelegten Tagesablauf jegliche Kreativität junger Menschen schon im Keim erstickt wird.
Ein Physiklehrer aus England erzählte mir bei einem gemeinsamen Bier in Sanlitun, dass er Schüler im Alter von 14 Jahren unterichtet, die bereits genauso viel wüssten wie er mit einem international anerkanten Masterabschluss. Darum würden sie dann nach der Schule noch auf eine spezielle Abendschule gehen - Tag für Tag. Irgendwie klag es so, als hätte er selbst noch nicht begriffen, wie das funktioniert.
Aber jetzt keine Bildungsangst! Auf einer Veranstaltung der Schwarzkopf-Stiftung traf ich vor einiger Zeit Dr. Michael Schaefer, Botschafter a.D. in China. Auf eine Frage, ob uns die Chinesen in Sachen technischer Innovation bald den Rang ablaufen, reagierte er gelassen und meinte, dass dauere noch ein paar Jahre. Er habe den Eindruck es fällt den Chinesen sehr schwer, um die Ecke zu denken. Umso besser wären sie hingegen, komplexen Anweisungen Folge zu leisten. Für die chinesischen Studenten ist festgelegt, wann sie zu schlafen haben, es ist festgelegt wann sie lernen und wann sie wielange joggen müssen. In ihren Zimmern stehen drei Doppelstockbetten, natürlich getrennt nach Geschlecht.

Eine Ausnahme möchte ich aber machen. Zum Essen gestattet man sich reichlich Entscheidungsfreiheit. Als ich damals in Berlin meine chinesischen Mitbewohner über deren Eindrücke und auffälligen Missstände an deutschen Universitäten befragte, überlegten sie nicht lange und jammerten im Chor, dass das Essen furchtbar wäre. Jetzt verstehe ich auch warum. Meine Universität, die UIBE im Nordosten Beijings zählt 12.500 Studenten. Auf dem Campus stehen drei Mensen. Auf vier Etagen gibt es Essen aus allen Regionen Chinas.

Mein Chinesisch-Unterricht beginnt jeden Tag um 8 Uhr. Eines der ersten Wörter, die ich lernte war laoshi, zu Deutsch Lehrer. Lehrer sind gesellschaftlich in China hoch angesehen und der Einfluss auf Kind und Heranwachsenden geht weit über den Bildungsauftrag heraus. Wenn Eltern in Sachen Erziehung nicht mehr weiter wissen, gehen sie zum laoshi. Der Vater aller laoshi war wohl Konfuzius. Als sich einer meiner Kommilitonen selbst ein chinesisches Schriftzeichen beibrachte wurde er dafür gerügt. Richtig so! Was der laoshi noch nicht beigebracht hat, darf man auch nicht können! Viel gefährlicher ist aber, wenn man dann vergisst, was einem der laoshi bereits beigebracht hat. Als ich einmal ein Zeichen vergaß und ich nicht sofort dessen Bedeutung wusste,  musste ich aufstehen und so lange in dieser Position verharren, bis es mir wieder einfiel. Manche nennen solche Methoden schwarze Pädagogik, mein Professor sagte dazu: "Universitäten sollen zum kritischen Hinterfragen des Wissens anregen. Das setzt aber voraus, dass Ihr auch etwas wisst, was ihr hinterfragen könnt."

UIBE-Hauptgebäude Uni-Campus. Mitten Norden des Choyang District. In der Mitte des Capus ein Stadion. Auf Sport wird hier viel wert gelegt. Auch der Fußball ist schließlich eine Chinesische Erfindung. Im Klassenraum. Ganz vorne mit strenger Blick unsere Lehrerin, Wang laoshi.

13Oktober
2015

Das schönste „Nichts“ der Welt

Ungefähr 400 km nordöstlich von Beijing liegt die Innere Mongolei. Mit einem Minibus ist man in sechs Stunden dort. Halt Stopp! Das war die chinesische Zeitrechnung. Eigentlich waren es zehn. Gegen alle Vermutungen nehmen es die Chinesen mit der Zeit auch nicht ganz so genau. Ein langjähriger Chinakorrespondent der Süddeutschen Zeitung bezeichnete darum die Chinesen einmal als die Italiener Asiens; aber nicht nur deswegen, auch wegen Ihrer Liebe zu Nudeln, zur “grande famiglia“ und zum Automobil. Von dieser Liebe schien unser Bus nicht viel abbekommen zu haben. Er hatte die besten Zeiten bereits hinter sich! Die Felgen waren krumm und schief, die Sitze waren durchgesessen und mit jedem Schlaglock schallte ein lautes Krachen, gefolgt von einem kurzen Jaulen durch den Bus. Vor der Frontscheibe baumelte ein roter Stofffetzen, bemalt mit zwei grimmigen, teufelsähnlichen Gesichtern. Vermutlich sollten sie böse Geister zurückschrecken. Nicht auszudenken was passiert wäre, hätte sie uns nicht begleitet. Sicher verkürzten sie die Wartezeit, die wir ohne Benzin auf einem Parkplatz in der Mitte von Nirgendwo verbrachten. Ebenso retteten sie uns von vor dem Tod, als wir mit hundert Stundenkilometer auf einen Felsbrocken zurasten, der am Ende einer Straße lag, die dort meinte, einfach enden zu müssen. Wofür gibt es Bremsen, fragt sich da der ambitionierte deutsche Autofahrer. Ja, das frage ich mich auch.  Die Bremse scheint in China noch nicht von jedem entdeckt worden zu sein. Und sowieso, es gilt stets das Recht des Stärkeren. Wer im Rückwärtsgang die Autobahn hochfährt und mitten auf der Autobahn stehen bleiben kann, um sich des richtigen Weges zu versichern, der kann es bestimmt auch mit einem Felsbrocken aufnehmen. Ein kleiner Tipp am Rande: Wenn man in China überleben möchte, sollte man nie eine Straße überqueren, bevor die Autos still vor einem stehen - völlig egal ob grünes oder rotes Ampelmännchen.

Endlose Straßen Richtung in Richtung Mongolei - mit dabei, das Duftbäumchen Chinas

Auf der anderen Seite der Frontscheibe lagen traumhafte Landschaften. Endlose Felder und wilde Flusstäler wie im Osten Australiens verschmolzen mit massiven und schroffen Hochgebirge, die sich hinter dem Charme der Dolomiten nicht verstecken müssen. Dazwischen lagen kleine Dörfer. Vermutlich hatte sie noch nie ein Europäer betreten. Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie man angestarrt wird, wenn man einem Transporter voller chinesischer Arbeiter begegnet. Verdutztes Glotzen geht gemeinhin in ein gemeinschaftliches Gelächter über, das darin endet, dass jeder zum Handy greift und ein schnelles Foto schießt. Sicher wird dann am Abend stolz der Familie präsentiert, was man doch für einen merkwürdigen Fund gemacht hat.
Nach ermüdenden Stunden und reichlich Rückenschmerzen erreichten wir schließlich das Grasland. Nur die vielen Pferde und bunten Jurten mit noch bunteren Fähnchen brachten ein wenig Abwechslung in das vielleicht schönste „Nichts“ der Welt.

Das Grasland - im Herbst nicht mehr ganz so saftig grün.

Die Pferde wurden jetzt durch Motorräder ersetzt, Im Hintergrund die typischen Juten Abendatmosphäre - von dem Trubel Beijings weit entfernt

Die innere Mongolei grenzt südlich an die eigentliche Mongolei, ist autonom, gehört jedoch politisch zur Volksrepublik China. Anders die nördlich gelegene Mongolei, die seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion eine unabhängige Republik bildet. Es ist nicht zu übersehen, dass der kulturelle Einfluss Chinas und die erzwungene Ansiedlung der Han-Chinesen auch hier ihre Spuren hinterlassen haben.  Plötzlich  auftauchende Industriegebiete, endlose Stromtrassen und kilometergroße Solarpanels glänzen in der Sonne und zerstören den Schein einer menschenleeren Idylle.
Hohhot, die Hauptstadt der inneren Mongolei, ist das beste Beispiel. Hier ist nichts zu spüren von der Romantik der Abgelegenheit. Knapp drei Millionen Menschen hausen hier in Betonbauten, ein Haus wie das andere, alles gleich, einfach furchtbar. Es ist eine Metropole, die einem das betäubende Gefühl vermittelt, man sei Ende der Welt. Hier arbeitet man nicht um zu leben, man lebt, um zu arbeiten.
Der Höhepunkt dieser tristen Stadt ist das überdimensionierte Innermongolische Nationalmuseum. Es ist ein gigantischer Bau voller Beton und Glas a la Berliner Regierungsviertel, der die ewigen Weiten des mongolischen Graslands wiederspiegeln soll. Der Architekt scheint die innere Mongolei noch nie gesehen zu haben. Gezeigt wird hier auf fünf Etagen die Geschichte der Chinesen – angefangen von den Dinosauriern, über die Urmenschen, bis hin zur äußerst erfolgreichen Zeit Maos. Natürlich möchte ich Euch einen zeitgeschichtlicher Abriss dieser Geschichte nicht vorenthalten: Alle waren zufrieden! Das ist das Wichtigste! Mao musste sich gegen den Westen durchsetzen – das sehe ich übrigens genauso – und an seiner Atombombe tüfteln. Für die Tatsache, dass dabei einige dutzend Millionen Chinesen ihr Leben ließen, mehr als unter Hitler und Stalin zusammen, haben wohl die spärlich gesäten Informationstafeln nicht gereicht. Was soll’s, alle waren glücklich und zufrieden. Denn so steht es im Museum geschrieben.

Das Innermongolische Nationalmuseum

Außerhalb der Stadt wird das Grasland durch die Kubuqi-Wüste überrollt, ein Meer voller Wanderdünen. Es lässt sich hier nicht nur auf Kamelen reiten, sondern auch der Sternenhimmel in bestechender Klarheit bewundern. Hier ruht China.
Ganz anders in den viel besuchten Yungang-Grotten. Zehntausende Arbeiter meißelten hier vor 1600 Jahren dreiundfünfzig Höhlen in einen Fels und schufen ein Meisterwerk von Reliefs und Skulpturen. Sie belegen die Ausbreitung des Buddismus im 5. Jahrhundert. Heute knien die Menschen vor den knapp 20 Meter großen Buddha-Figuren nieder, zünden Räucherstäbchen an und machen – wie sollte es anders sein – tausende von Fotos.


Die Kubuqi-Wüste.
Die Kubuqi-Wüste 2 Das tranditionsreichste Wüsten-Fortbewegungsmittel

 

Das ist nur der Eingang zu den Yungang-Grotten53 Höhlen in Fels gemeißelt.Facettenreiche Reliefs und SkulpturenDie Räucherstäbchen imVordergrund dürfen bei der Zeromonie nicht fehlen

Anders als im reaktionären Islam, der jährlich tausenden von Terroristen eine Legitimationsgrundlage bietet, anders als im Christentum, das durch den Weichspüler der Demokratie jeglichen religösen Absolutismus verloren und durch das Grundgesetz – Gott möge es bewahren – ersetzt wurde, anders als im Judentum, das ohne den Schutz und die Übermacht des Westens vielleicht schon gar nicht mehr existieren würde und anders als im Kommunismus, der als Pseudoreligion mehr Grauen verursachte, als alle anderen Religionen zusammen, finden im Xuankong-Tempel gleich drei Religionen Platz -  Konfuzianismus, Buddhismus und Taoismus. Besser wäre an dieser Stelle das Wort Philosophie zu gebrauchen. Anders als die oben aufgeführten Religionen bezieht sich der Konfuzianismus nämlich nicht auf das Jenseits, sondern konzentriert sich auf das Hier und Jetzt.
Wie eine Bienenwabe hängt das Kloster in 60 Meter Höhe an einer Felswand der heiligen taoistischen Berge. Man hatte es dort hoch gehängt, um es vor den reißenden Wassermassen zu schützen – eine architektonische Meisterleistung. Gebaut wurde er erstmals in der Zeit der Wei-Dynastie im 3. Jahrhundert nach Christus. Zu jener Zeit wohnte ein Großteil der Deutschen – die sogenannten Elbgermanen  – in einfachen Holzhütten, aßen Schwein am Spieß und tanzten ums Feuer. Nur gut, dass die Chinesen damals nicht die Arroganz besaßen, uns erklären zu wollen, was besseres Leben bedeutet. Oft frage ich mich allerdings, was aus dem Fortschritt, der Logik und Weitsichtigkeit der Chinesen in den folgenden Jahrhunderten geworden ist. Auf dem Rückweg stellte unser Busfahrer nach zwei Stunden fest, dass er noch nicht weit gekommen war. Er war im Kreis gefahren.

Der Xuankong-Tempel.

29Sept
2015

China hat den Längsten

Ich möchte mich keinem Helmut Schmidt anschließen, möchte kein Loblied auf Peking singen, aber es fällt mir nach jedem Tag in dieser Stadt schwieriger, nicht zugeben zu müssen, dass hier vieles einfach bewundernswert ist. Wer von dieser Stadt, den 3000 Jahren Geschichte, den gewaltigen maoistischen Stilbauten der 70er oder dem modernen Finanzdistrikt immer noch unbeeindruckt ist, der soll sich in einen Bus setzen und 50 km Richtung Norden fahren.
Dort wartet etwas Einmaliges. Kein Superlativ könnte mein Gefühl zum Ausdruck bringen, als ich nach zwei Stunden Fahrt aus dem Bus stieg. Da war es, das längste Bauwerk der Welt, kein anderes wird derart mit China verbunden. Legenden erzählen, man könne die Mauer vom Mond aus sehen. Das stimmt allerdings nicht.

               Mauer 1    Mauer 2     


Der Himmel war tiefblau, die Sonne brannte im Nacken, keine Spur von Smog in der Luft, aber ein Ende war einfach nicht zu sehen. Die chinesische Mauer schlängelt sich über die Berge in die Unendlichkeit. Wenn man der Mauer entlang über die Gipfel der Gebirge wandert, gewinnt man den Eindruck, man läuft  in die Freiheit – es ist eine unbeschreibliche Symbiose aus Kultur und Natur.
Was müssen sich die Machthaber Chinas gedacht haben, als sie vor 2500 Jahren den Bau der Mauer befohlen? Wahrscheinlich war es wahrgewordener Größenwahn. Einer dieser Visionäre von damals hieß Qin Shi Huangdi. Er vereinheitlichte Chinas Schrift, die Maße und Währung und errichtete ein System von Präfekturen und Kreisen. Der von ihm festgelegte Rahmen der feudalistischen Staatsordnung wurde in den über 2000 Jahren danach fortgesetzt. Kaiser Qin Shi Huang ließ über 300 000 Menschen, mehr als zehn Jahre am Bau der Mauer arbeiten. Aber wie lang ist sie jetzt eigentlich? Chinas staatliche Verwaltung des Kulturerbes schätze 2009 die unterbrochene Länge der Mauer aus der Zeit der Ming-Dynastie auf 8851 Kilometer. Die Ming-Dynastie, die der Qin-Dynastie folgte war aber nur eine von 13 Dynastien. Eine neue, sorgfältigere Untersuchung hat errechnet, dass die Gesamtlänge aller Teilstücke der Großen Mauer, die jemals standen, einschließlich solcher Abschnitte, die parallel liefen oder durch die Verwitterung zerstört wurden, 21 119 km umfasst. Der Durchmesser unseres blauen Planeten beträgt 12 700 Kilometer. Lust auf eine Wanderung ?
Mehr als eine Million Menschen arbeiteten gleichzeitig am Bau der Mauer; mehr als zwei Millionen ließen dabei Ihr Leben. Die Körper derer, die vor Erschöpfung nicht mehr konnten, wurden einfach eingemauert. Was tat man nicht alles, um sich vor Nomaden und Barbaren zu schützen! Kein Wunder also, dass im Emotionsgetümmel der derzeitigen Flüchtlingskrise, kürzlich eine clevere Republikanerin auf die Idee kann, auch zwischen Mexiko und den USA eine solche Mauer errichten zu wollen, ganz getreu dem Motto - das muss funktionieren, in China gibt es schließlich auch keine Mexikaner!

Mauer Auch sie weiß, wo es schön ist - eine Gottesanbeterin  Mauer 3 Mauer 4

Wirklich getaugt hat diese Mauer nicht, wenn man aber bedenkt, was die Europäer im 19. Jahrhundert und die Japaner im 20. Jh. in China angerichtet haben, wünscht man sich, die Mauer wäre doppelt so hoch gewesen. Anders als die Mongolen und Mandschuren begannen die Europäer nicht mit Stäbchen zu essen. Dem zweiten Weltkrieg fielen 330.000 Briten und 360.000 Franzosen zum Opfer. Einige europäischen Mitbürger hassen uns noch heute dafür – verständlicherweise. In China starben 13 Millionen Menschen an den Folgen des 2. Weltkriegs. Dafür wird man dann als lao wai, zu Deutsch Ausländer,  besser behandelt als die eigenen Landsleute.

Und ein kleiner, ganz unpolitischer Tipp zum Abschluss: Wenn Ihr es wie die Chinesen machen wollt, dann tragt als Frau auf den unrestaurierten Teilen der Mauer am besten Stöckelschuhe mit extra hohen Absätzen. Als Mann rollt Ihr einfach Eure Hosenbeine hoch bis zum Knie und das Hemd bis unter die Achseln; klatscht dann rhythmisch auf Eure nackten Bäuche. Sobald es zum Fototermin geht, steht Ihr wieder stramm wie ein Volksbefreiungssoldat; als Frau haltet Ihr in der einen Hand den Sonnenschirm und streckt mit der anderen, Zeige- und Mittelfinger zum Peace-Zeichen. Und aufgepasst, in China sagt man nicht „Cheese“, sondern „Aubergine“.

Mauer 5 Mauer 7 Mauer 6  Mauer 9

17Sept
2015

Beijings Straßen - Hier pulsiert das Leben

Wenn man in andere Länder anderer Kulturkreise reist, lernt man schnell, dass man Gewohnheiten ändern, Selbstverständlichkeiten hinterfragen und Fremdes akzeptieren muss.

Es gibt aber auch Dinge, die will man einfach nicht ändern! Sie waren immer da; sie gehörten zum Alltag und waren trotzdem nie alltäglich. Für manche sind es persönliche Rituale, für andere unüberwindbare Laster. Bei vielen ist es Tabak, bei meinem Mitbewohner ist es Mineralwasser mit Sprudel und bei mir ist es guter Kaffee.
Wofür ist also Globalisierung gut? Heutzutage gibt es Kaffee auch in China - deswegen! Zugegeben, er ist meist schweineteuer und schmeckt nach unverdünntem Abwaschwasser, wenn da nicht das große blaue Kaufhaus mit den berüchtigten vier gelben Buchstaben wäre. An dieser Stelle ist es Zeit für eine kleine Werbeunterbrechung: IKEA hat sich in mein Herz geschlossen, nicht durch die Steckmöbel und die 100-Tage-Geld-zurück-Garantie, sondern durch bezahlbare Kaffeebohnen.

Ab und zu schnappe mir Kaffeetasse, Klappstuhl und Buch und setzte mich vor mein Hotel. Meist sitze ich einfach nur da und beobachte.
Was sich dort am Straßenrand vor dem Hotel abspielt ist ein Mix aus Tragikomödie und Lustspiel. Hier tobt das pure Leben. Es wird gehandelt, gekocht, gegessen und frisiert. Die Abermillionen Fahrräder der 70er und 80er Jahre wurden durch unzählige Elektroroller abgelöst. Besonders in der Nacht ist das nicht ganz ungefährlich, denn man hört man sie nicht und sieht sie kaum. Warum man sie nicht sieht? Das hat zwei Gründe und ist eine kleine Erklärung wert: Naheliegend ist, dass in vielen Fällen die Scheinwerfer einfach nicht funktionieren. Beim Anblick platter Reifen, herausragenden Drähte und abblätterndem Rost ist es schon beachtlich, dass die Dinger überhaupt noch über die Straße rollen. Für den zweiten Grund muss man alles vergessen, was man einst in Fahrschule und Elternhaus gelernt hat. In China lässt man das Licht gerne aus, damit man den Entgegenkommenden im Dunkeln nicht blendet. Klingt logisch? Aber bloß keine Angst, die dröhnenden Hupen sorgen für ausreichend Aufmerksamkeit. Hier wird gehupt, was das Zeug hält - beim Abbiegen, beim Bremsen, stehend und fahrend. Bei uns wird sich angeschnallt, hier wird gehupt. Es geht nicht um den Sinn beim Hupen. Es geht um das Hupen als reinen Selbstzweck. Es gehört einfach zum guten Ruf.

Die Hygienezustände auf dem Platz sind mittelalterlich. Gepaart mit extremen Gerüchen, vielen Menschen und grotesken Handlungen machen sie das Zuschauen zu einem wahren 4D-Erlebnis. Auf den Straßen stehen Pferdewagen gefüllt mit Kastanien, in den Transportern liegen halbe Schweine und alte Frauen versuchen am Straßenrand, Gemüse, Nüsse und Tee zu verkaufen. Gleich daneben sitzt ein Mann auf einen Stuhl und lässt sich einen neuen Haarschnitt verpassen. Der Friseurberuf ist in China übrigens reines Männermilieu.
Will man dann von einer Straßenseite auf die andere darf man nie vergessen, immer brav nach links und rechts zu schauen. Rot ist hier nur eine unverbindliche Handlungsempfehlung. Auf der anderen Straßenseite angekommen, warten neue Überraschungen und Delikatessen jeglicher Art, egal ob chinesische Kalligrafie, gekochte Hühnerköpfe oder gegrillte Tierchen am Spieß. Aber auch für die feinen Gaumen ist etwas dabei. Die chinesische Küche bietet fabelhafte Reis-und Nudelgerichte in allen Variationen sowie saftige Daotsi und Jiaotsi – alles zum Spottpreis.

Und noch eine kleine Anekdote zu den Menschen inmitten dieses Getümmels: Als ich vor einigen Tagen versehentlich meinen Kaffee verschüttete, konnte ich kaum so schnell gucken, wie ein Verkäufer eine Packung nagelneuer Tücher aufriss und sie mir reichte. Das war Hilfsbereitschaft aus Reflex, nicht aus Anstand. Danach setzte sich der ältere Herr in seinen Sessel und zündete eine Zigarette an. Also auch die Chinesen haben sie, die persönlichen Laster.

           Freiluftfriseur in BeijingHier gibt es frische Nüsse.

 


Eines Tages werde ich sie fragen, warum sie ständig Pappe transportieren. ... und schon wieder Pappe. Auch hier gibt es frische Nüsse.... und getanzt...Ohne Worte

 

 

05Sept
2015

Eine Stadt der Gegensätze

Als Bundeskanzler Helmut Schmidt im Jahre 1984 auf den damaligen chinesischen Generalsekretär Zhao Ziyang traf, fragte er Ihn, woher er gute Manager bekommen will, die den liberalen Kurs von Deng Xiaoping umsetzen würden. Heute wäre eine solche Frage unvorstellbar. Die Welt blickt auf China, wenn es um globale Zukunfts- und Wirtschaftsthemen geht. Wie sagt man so schön? Der Kompass zeigt Richtung Süden.

Hier wird entschieden, wie es Milliarden von Menschen geht - der CBD Beijings.

Wolkenkratzer sprießen in Beijing wie Gras aus dem Boden. Mit dem CCTV-Tower gelang es sogar, einige Designpreise abzuräumen. Viel beeindruckender ist aber, dass die Entwicklung so schnell voranschritt, dass alte Gebäude nicht durch neue ersetzt wurden, sondern beide nebeneinander koexistieren. Im Central Business District Beijings sieht man Bauten, die vor Reichtum und Protz nur so strotzen. Gleich daneben, völlig unbeeindruckt, leben die Ur-Beijinger und grillen Ihre Fleischspieße über offenem Feuer. Über die Straßen rollen polierte Audis in schwarz und Fahrräder, beladen mit Holz und Müll in braun – braun durch Rost. Es sind erschreckende Gegensätze. Aber Gegensätze müssen nicht im Widerspruch stehen. Auf mich haben sie einen besonderen Reiz und machen die Stadt unfassbar spannend.

Gegensätze - Wohnhaus und CCTV-Tower So sieht die Planung für die nächsten Jahre aus-  Wohnhaus und Hochhaus - alles nebeneinander.

Deng Xiaoping wollte, dass seine Landsleute reich werden, egal wie: „不管白猫、黑猫,逮住老鼠就是好猫。- egal, ob die Katze schwarz oder weiß ist, Hauptsache ist, sie fängt Mäuse. Viele haben sich sein Motto zu Herzen genommen. Einige haben dafür hart gearbeitet, andere hatten Glück, waren zur richtigen Zeit am richtigen Ort und wurden durch die Privatisierung der Konzerne in kurzer Zeit schnell reich. Letztere sitzen abends in den Clubs und lassen sich im Rausch des westlichen Flairs beglücken. Wer hier feiern geht hat Geld und möchte das auch zeigen. Vor der Tür steht der Ferrari, drin sitzt dann der maßgeschneiderte Anzug auf roter Ledercouch und schlürft edelsten Champagner. Drumherum stehen halbnackte Russinnen, die persönlichen Butler und Putzfrauen, die einem penetrant hinterherwischen. Achso, nicht zu vergessen: Dann sind da noch die hellhäutigen Langnasen, wir, die als Anschauungsobjekt der Neureichen dienen. Weil man so schön und selten ist, bekommt man dafür alles umsonst – Eintritt, Dom Pérignon aus Flaschen und ein Ambiente, das ich so noch nie gesehen habe. Was würden wohl Mao und Karl Marx sagen, wenn sie das sehen würden?  Vermutlich würden sie einfach mitfeiern. 

Hinter dem Eingang verbirgt sich die kunterbunte Welt des Westens. Hier wird getrunken, gegessen und .... .... getanzt - auch andersherum. Auf den Terassen geht es hoch hinaus - über den Dächern Beijings. Wenn es kein Taxi gibt, nimmt man die Rikscha.

30August
2015

Ich verstehe nur Chinesisch - eine Hommage an die deutsche Bürokratie

Was macht man als deutscher Student, wenn einen abends der berüchtigte Hunger packt und der Blick in den Kühlschrank erfolglos war? Na klar, man geht in den benachbarten Supermarkt, in die Kneipe um die Ecke oder in den Späti seines Vertrauens. Danach kehrt man glücklich und zufrieden zurück und legt sich in sein flauschiges Bett. Alles kein Problem, all das ist im heilen Deutschland keinen müden Gedanken wert.
In China sieht das ein wenig anders aus: Ab 23 Uhr kommen die hiesigen Studenten nicht mehr in Ihre eigenen vier Wände. Die Türen der Wohnheimgebäude bleiben verschlossen und werden erst um 6 Uhr wieder geöffnet. Warum? Hier steht man auf Kontrolle und Restriktionen. Als ich meine Registrierung unterschrieb, musste ich versichern, dass ich nie Drogen nehmen werde, mir keine Freunde suche, die Drogen nehmen, kein Moped fahre und brav um 23 Uhr daheim bin. Hier wird nicht gegessen, geschlafen oder gelernt, wie es einem gefällt, sondern wie es der Staat möchte. Selbst die Dusch- und Warmwasserzeiten sind streng limitiert. Vergisst man versehentlich, die Miete zu zahlen, wird einfach der Strom abgeschaltet. Was mit dem Fleisch im Kühlschrank passiert, kann sich jeder ausmalen. Ich bewundere die Chinesen um Ihre Ruhe, ihre Geduld und Ihre Toleranz. Und ich frage mich, ob der Wachmann mit strengem Blick, großem Schlüsselbund und Walkie Talkie wusste, welchen Zweck er erfüllt, als ich eines von vier Campus-Eingängen nach 22 Uhr unorthodox überqueren wollten. Auch wenn ich ihn nicht verstand, verriet mir seine Mimik,dass man dort definitiv nicht klettern sollte. Naja, dann läuft man eben auf die andere Seite des Campus und nutzt das nächste Tor - alles mehr Schein als Sein, aber alles irgendwie selbstverständlich.   

  University of International Business and Economics - HauptgebäudeCampus-Stadion Kulinarische Delikatessen in Campusnähe. Hier: Koreanisches BBQHier wird gegessen, getrunken... und gesungen

Das Beijinger Nachtleben ist verrückt - dazu aber später mehr. Nach schlaflosen Stunden klopfte es eines Morgens an meiner Tür. Kesang, mein nepalesischer Mitbewohner öffnete und im Türrahmen standen Eimeterfünfzig in pink. Der Schlüsselbund, den diese Frau in Ihrer Hand hielt, war größer als Ihr Kopf. Von mehr hatte ich keine Ahnung, denn dafür reichen meine Chinesischkenntnisse nicht. Kesang, ein intelligenter Typ, fünfundzwanzig, Marketingdirector, spricht fließend Chinesisch und übersetzte. Schnell wurde mir klar, was Sache war. Ich musste raus aus dem Zimmer. Wenn hier etwas beschlossen wird, dann passiert es sofort. Nun hieß es Sachen packen und weg.
Jetzt wohne ich in einem umgebauten Hotel. Zwei Wochen zuvor war es noch eine Bruchbude. Genau so schnell wie Sie mich rausgeschmissen hatten, wurde also ein Hotel gebaut. Der Rekord für ein Wolkenkratzer liegt in Beijing bei einem Monat. Für das Zimmer bezahle ich 350€, darf es mir teilen, habe kein warmes Wasser, bislang kein Internet und zur Decke tropft es herein. Eine Finesse hat das Zimmer aber doch: Sitzt man auf Toilette kann man sich nebenbei Duschen, viel besser aber ist, dass dabei auch noch der Zimmernachbar direkt zuschauen kann. Zwischen Bad und Schlafzimmer befindet sich ein großes Klarglasfenster mit Rollo. Hätte ich eine hübsche Zimmernachbarin, würde ich mir sicher überlegen, ob ich es versehentlich ab und zu hochziehen würde. Naja, alles nur Hypothesen, hier gibt es eine strikte Trennung zwischen Männlein und Weiblein. Dafür befindet sich hinter unauffälliger Tür, im Keller unsers Hotels, ein Markt. Das ist eine von vielen täglichen Überraschungen, für die ich diese Stadt liebe. Von Apfel über Socke bis Zigarette ist hier alles zu haben. Beim Anblick und Geruch der 30 Meter langen Fleischtheke wird man aber bei bloßen Hinsehen schnell zum Vegetarier.

China ist konservativ? - Das Foto beweist das Gegenteil. Blick vom Schlafzimmer ins Bad. Versteckter Markt im Hotelkeller. Und hier die Fleischteke- man kann sie sehen und riechen.

Zurück zum Thema: Beijing ist teuer, aber es nicht teurer als London oder Sydney – die Preise sind nicht gerechtfertigt. Aber was soll man machen, als Akademiker und Analphabet ist man entsprechend hilflos.
Am meisten trauer ich meinem Mitbewohner nach. Oft saßen wir stundenlang zusammen und erzählten. Kesang besitzt eine erstaunlich klare Meinung zu Politik, Wirtschaft und Menschen. Er lebt, arbeitet und studiert seit sieben Jahren in Beijing. Für Ihn gibt es zwei Typen von Chinesen: Die einen, die arbeiten, alles machen, was der Boss befielt, nichts hinterfragen und jegliches Risiko meiden. Aus Ihnen wird nichts. Zu dem anderen Typ zählte er dann Namen wie Jack Ma, Alibaba Gründer und Millardär. Sicher würde er gerne auch seinen Namen in der Liste der Mächtigen und Superreichen finden. Für Kultur interessiert sich Kesang nicht, Ihn begeistert Business, Macht und Geld. Wahrscheinlich könnte er trotzdem zu jeder chinesischen Sehenswürdigkeit ein Lexikoneintrag schreiben.

22August
2015

Im Zentrum der Macht

Ich konnte meiner Neugier und Ungeduld nicht widerstehen und wollte am Tag nach meiner Ankunft ins Zentrum der Macht, zum Kaiserpalast und auf den größten Platz der Welt, den Tainanmen Platz.  Auf dem Weg dahin machte ich meine erste Erfahrung mit der Metro. Beijing hat mittlerweile das zweitgrößte Metronetz der Welt. Sie ist modern, extrem klimatisiert und voll. Trotz dieser Masse an Menschen war es aber recht ruhig. Alles läuft sehr gesittet, es wird kaum gedrängelt und geschuppst. Für die Älteren und Kinder wird aufgestanden – vielleicht sind es die Wurzeln des Konfuzianismus, vielleicht auch einfach nur Anstand. Sicher liegt es aber nicht am Sicherheitspersonal. In Beijing stehen an jeder Ecke Wachmänner, manche im blauen, andere im dunkelgrünen Anzug, roter Armbinde und Mütze. An jeder Station darf man seine Tasche durch einen Scanner schieben. Sobald sie merken, dass man kein Chinesisch kann, lassen sie einen einfach passieren. Ob es zur Sicherheit beiträgt, wage ich zu bezweifeln. Auf jeden Fall ist es eine Variante, die Arbeitslosenzahlen niedrig zu halten.                                                           

                        Für viele der alltägliche Weg zur Arbeit - die Beijinger Metro       

Am Tainanmen-Platz angekommen blickt man auf kommunistischen Realismus, maoistische Prunkbauten und breite Straßen. Alles wirkt noch weitläufiger und gewaltiger als in Moskau. Auf der anderen Seite der Straße hängt er dann am Tor des himmlischen Friedens - Mao Tse Tung. Die Chinesen versammeln sich in Massen, um auch nur ein schnelles Selfie mit dem „großen Führer“ machen zu können, stets mit langem Selfiesticks, großem Eifer und einem ständigen Grinsen im Gesicht. Die Millionen von Menschen, die seinem Idealismus zum Opfer fielen ,scheinen vergessen. In jedem Souvenierladen erhält man seine Büste, Plakate und Postkarten in allen Größen und Versionen. Mao ist einfach allgegenwärtig. Nach der Deng-Formal der Kommunistischen Partei war 70% seines Handels gut, 30% schlecht. Wer weiß, wie China heute aussähe, wenn es ihn nicht gegeben hätte. Hätte es diese Stellung in der Weltgemeinschaft? Wie würden die Chinesen jetzt leben? Wäre China möglicherweise dem imperialistischen Ideen der westlichen Welt zum Opfer gefallen oder wären, wenn es ihn nicht gegeben hätte, Menschenrechte eine chinesische Selbstverständlichkeit ? Letzteres wage ich zu bezweifeln, der Rest sind Hypothesen und offene Fragen, die ich nicht beantworten kann. 

Die Prachtstraße - Xichangan Jie Die Große Halle des Volkes - ob das Volk die Halle schon jemals von innen gesehen hat? Das Nationale Zentrum für Darstellenden Künste

Es ist wie ein Sprung ins Mittelalter, wenn man sich auch nur 100 Meter von dem Platz und dessen gewaltigen Gebäuden entfernt. Ich meine nicht die verbotene Stadt aus dem 15. Jahrhundert der Ming-Dinastie. Ich meine vielmehr die Hutongs, in dem sich das Leben der Einheimischen abspielt. Viele kleine Gassen schlängeln sich durch die einstöckigen Gebäude. Hier wird gekocht, gegessen und gelebt. An den Eingängen hängen Grillen in kleinen Käfigen, für jeden Hof muss man eine kleine Stufe und eine Mauer umgehen. Wozu? Alles dient der Vertreibung der  bösen Geister, denn diese können weder über Stufen noch um Ecken gehen.
Zu essen gibt es hier alles,  fast alles. Hund ist nicht typisch für Beijing. Stattdessen gibt es Skorpione oder Spinnen am Spieß. Probiert habe ich von diesen Delikatessen noch nichts, aber die Restaurants sind im Allgemeinen gut, günstig und geschmackvoll.

Hier leben die Chinesen - Hutongs Hinter jeder Mauer wartet der nächste Hof. Ein endloses System voller Überrschungen. Ein traditioneller ImbissBlick auf die Geistermauer Hängt an Eingängen und macht Krach- eine Grille im Käfig zur Verteidigung der bösen Geister.

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